M+E-Tarifkommission berät über Zukunft

IG Metall: Pressemitteilung

23.09.2021 Die Konjunkturaussichten für 2022 sind gut, zugleich verändert sich die ganze Arbeitswelt. Was muss Tarifpolitik in Zukunft leisten? Das ist Thema einer 2-tägigen Klausur - Pressemitteilung 45/2021

Mannheim. Wie sehen Tarifpolitik und Tarifverträge in 10 Jahren aus? Welche Auswirkungen haben Digitalisierung, die Veränderung von Wertschöpfungsketten und Geschäftsmodellen sowie neue Arbeitsformen? Und welche Themen muss die IG Metall im nächsten Jahrzehnt im Sinne ihrer Beschäftigten regeln? Mit diesen Fragen beschäftigen sich Tarifkommissionsmitglieder der baden-württembergischen Metall- und Elektroindustrie (M+E) am 23. und 24. September im Mannheimer Rosengarten.

Weniger Verteidigungskämpfe, mehr offensive Tarifpolitik
Roman Zitzelsberger, Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg und Verhandlungsführer in Tarifrunden der Metall- und Elektroindustrie, stellt klar: "Mit unserer Tarifpolitik haben wir in den letzten Jahren Einkommen stabilisiert, Arbeitsplätze gesichert und den Beschäftigten mehr Zeitsouveränität ermöglicht. Wir mussten aber oft genug auch Angriffe gegen tarifliche Errungenschaften aus dem Arbeitgeberlager abwehren. Unser Ziel für die nächsten 10 Jahre ist eine offensive und fortschrittliche Tarifpolitik, die den veränderten Anforderungen der Arbeitswelt Rechnung trägt, Beschäftigung im Wandel sichert und Perspektiven für den hiesigen Industriestandort schafft."

Für den Gewerkschafter geht es dabei vor allem um Dreierlei: Die Modernisierung und Anpassung von Tarifverträgen an künftige Anforderungen und Rechtslagen. Eine Weiterentwicklung der betrieblichen Altersvorsorge sowie die Stabilisierung der Einkommen. Die Weiterentwicklung von Tarifpolitik im Hinblick auf neue Tätigkeitsformen wie die verstärkte Nutzung von Homeoffice oder flexiblen Arbeitsmodellen in Softwareschmieden.

Tarifliche Alterssicherung für die Zukunft gesichert
Solche neuen Arbeitsformen führen zu differenzierten Ansprüchen an Arbeitsbedingungen und an die Tarifpartner, hinzu kommen Änderungen der Rechtslage, die eine Überarbeitung der Tarifverträge notwendig machen. Jüngstes Beispiel: Die Absicherung der tariflichen Alterssicherung im Rahmen der Zusammenführung der verschiedenen Manteltarifverträge in der Metall- und Elektroindustrie im Südwesten. Im Ergebnis sind dortige Beschäftigte auch künftig ab 53 beziehungsweise 54 Jahren vor Kündigung und Verdiensteinbußen geschützt, sie müssen dafür nur länger als früher im Betrieb sein. Dem ging eine mehrjährige Auseinandersetzung mit Südwestmetall voran, die erst in einem Schiedsstellenverfahren gelöst werden konnte. Die Anpassung war notwendig geworden, weil Arbeitsgerichte die seit 1973 geltenden Regeln als Diskriminierung Jüngerer hätten werten können. Vorbehaltlich der Gremien-Zustimmung beider Seiten treten die neuen Regelungen im Januar 2022 in Kraft.

Modernisierungsbedarf sieht Zitzelsberger künftig etwa bei den 2003 vereinbarten Regelungen zum Entgelt-Rahmenabkommen (ERA). Damit wurde die Trennung zwischen Arbeitern und Angestellten faktisch aufgelöst und ein einheitliches Entgeltsystem geschaffen, das Arbeitsaufgaben, Leistung und Belastung über alle Beschäftigtengruppen hinweg mit gleichen Kriterien bewertet. Durch Digitalisierung oder neue, agile Arbeitsformen ändern sich derzeit aber Wertung und Gewichtung von Bewertungskriterien. Zitzelsberger: "Das Thema müssen wir anpacken, damit es auch zukünftig eine faire und gerechte Arbeits- und Leistungsbewertung gibt." Zudem gebe es Gesprächsbedarf bei Arbeitszeit und Flexibilisierung, Altersversorgung und beim Thema nachhaltige Mobilität.

Tarifbindung sinkt, Konjunkturaussichten zeigen nach oben
Erschwert werden die künftigen Herausforderungen durch eine sinkende Tarifbindung und geschwächte Strukturen bei den Arbeitgeberverbänden. "Nur noch jeder zweite Beschäftigte in Deutschland arbeitet heute in einem Unternehmen mit Tarifvertrag", sagt Prof. Dr. Thorsten Schulten, Leiter des Tarifarchivs des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Mehr als die Hälfte der Mitgliedsunternehmen von Gesamtmetall habe mittlerweile nur noch eine sogenannte OT-Mitgliedschaft (ohne Tarif) und sei damit nicht mehr an den Flächentarifvertrag der Metall- und Elektroindustrie gebunden. Schulten: "Damit untergraben die Arbeitgeberverbände zunehmend ihre originäre Aufgabe als Tarifvertragspartei. Um die großen Zukunftsthemen gemeinsam angehen zu können, sollten endlich auch die Arbeitgeberverbände offensiv für eine Stärkung der Tarifbindung eintreten."

Vor der nächsten Tarifauseinandersetzung - der M+E-Tarifrunde 2022 - zeigen die Konjunkturaussichten nach oben: "Zurzeit bremsen die Lieferprobleme bei Vorprodukten wie Halbleitern noch die Produktion, aber der deutschen Wirtschaft steht 2022 ein Jahr mit Rekordwachstum bevor", sagt Prof. Dr. Sebastian Dullien, Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung. "Schon jetzt sind die Auftragsbücher von Automobilbauern, Anlagen- und Maschinenbauern gut gefüllt. Ab 2022 dürfte noch ein Investitionsschub hinzukommen." In den USA wie auch in Deutschland würden die öffentlichen Investitionen hochgefahren und die Unternehmen investierten wegen der anstehenden Dekarbonisierung verstärkt in neue Anlagen und Ausrüstungen.

Lineare Entgeltsteigerung Thema der M+E-Tarifrunde 2022
Das bestätigt auch das jüngste Stimmungsbarometer der IG Metall Baden-Württemberg: Gegenüber der Befragung im Frühjahr hat sich die wirtschaftliche Lage aus Sicht der Betriebsräte weiter verbessert, 53 Prozent bewerten sie als "gut" beziehungsweise "sehr gut", weitere 18 Prozent als "normal". (Frühjahr 2021: 39 Prozent "sehr gut" und "gut", 29 Prozent "normal"). Für die nächsten drei bis sechs Monate gehen fast 75 Prozent der Befragten von einer sehr guten bis normalen Entwicklung aus. Problematisch bleibt, dass ein Anteil von rund 25 Prozent das langfristige Überleben des Betriebs kritisch sieht - hier will die IG Metall im Rahmen von Zukunftsvereinbarungen gemeinsam mit den Betrieben Lösungen zu suchen, die Beschäftigungssicherung und die Weiterentwicklung der Geschäftsmodelle verbinden.

Mit Blick auf die nächste Tarifrunde steht für Zitzelsberger bereits fest: "Nach drei Jahren ohne lineare Entgeltsteigerung ist die Erwartungshaltung in den Belegschaften hoch und darauf müssen wir eine Antwort geben." Ideen für weitere qualitative Themen werden auf der Klausur diskutiert, denkbar sind unter anderem mehr Selbstbestimmung bei den Arbeitszeiten und zusätzliche Freiräume für Beschäftigte, die heute noch nicht von mobiler Arbeit profitieren können.

Letzte Änderung: 13.10.2021